Thursday, April 3. 2008
Posted by JoKer23
in Gerüchteküche
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Krankenhausaufenthalt, Bettnachbarn und andere Nähkästchengeschichten
Hallo Liebe Leser, Es erfreute mich nach zweiwöchiger Internetabstinenz sehr, dass mein geliebter Blog nicht ganz verstaubt ist.
Wie der Titel vermuten lässt lag ich 2 Wochen im Krankenhaus. Nachdem ich zuvor bereits eine Woche lang mit geschwollenen Füßen von einem Arzt zum anderen gehumpelt bin, hat ein mir aus anderen Gefilden bekannter Arzt klar erkannt, was ich da an den Füssen habe: Ein Erythema Nodosum. Was klingt wie eine Erfindung eines Star Treck Autoren, ist in Wirklichkeit eine ausgesprochen schmerzhafte Geschichte, die einen wirklich vom Gehen abhalten kann. Da aber diese Unaussprechliche Entzündung quasi unendlich viele Ursachen haben könnte und ich außerdem gigantisch hohes Fieber hatte hat man mich dann lieber zu den Jungs mit den unendlich vielen Spielsachen geschickt. Rumms lag ich im Krankenhaus, Aufnahmestation, erstmal wurden mir gefühlte 7 Liter Blut abgenommen und in unterschiedlichsten Gefäßen in die unterschiedlichsten Labore entsendet. Dann wurden die Spielzeuge ins Spiel gebracht. Also hab ich ne CT bekommen, bin in der gesamten Zeit 3 Mal durchleuchtet worden. Und mir sind Kamera und LED bewährte Schläuche in alle erdenklichen Löcher geschoben worden. Freilich so gut wie alles ohne Ergebniss. Die Ärzte diagnostizierten eine akute Sarkoidose des Typ 2. Der große Vorteil dieser Krankheit ist, dass sie sich in 90% aller bekannten Fälle von selbst heilt. Aber könnt ihr euch vorstellen wie elend es einem im Krankenhaus ohne Behandlung zu Mute ist. Das ist ja wie Bäckerei ohne Kuchen, Restaurant ohne Essen, Kneipe ohne Schnaps. Nun zum Glück habe ich wenigstens gelegentlich Medikamente gegen das hohe Fieber bekommen. Als den Ärzten dann am Schluss gar nichts mehr einfiel, haben sie mir immerhin noch ein bisschen Kortison gegeben. Aber nun genug von langweiligen Untersuchungen und Diagnosen, und wieder zu den wirklich wichtigen Dingen im Krankenhaus. Peinlichkeiten und Geläster.
Als ich auf der Aufnahmestation lag und man mir herrliche Mittel gegen Schmerzen gegeben hatte, war mein Gehirn leider nicht mehr dazu in der Lage geschriebene Wörter in korrekte kognitive Zusammenhänge zu bringen. Somit entschied ich mich dazu einen heiteren Film auf meinem ZEN zu sehen. Dieser Film beinhaltet am Ende eine äußerst umstrittene Szene mit *hüstel* artenübergreifender Erotik. Natürlich muss genau während dieser Szene eine Schwester, die sich gemeiner Weise von außerhalb meines Sichtfeldes an mich herangeschlichen hat, über die Schulter sehen. Ich gehe davon aus, dass ich etwa 2,3 Minuten später Krankenhausweit als Sodomist bekannt war. Das hat jedenfalls mein Karma auf der Aufnahmastation negativ beeinflusst. Die beiden ruhigen und angenehmen Zimmergenossen wurden auf Station verlegt. Dann kam mich meine wundervolle Gefährtin besuchen und wir genossen einige Momente Intimität in dem großen leeren Zimmer. Doch danach brach die Hölle los, praktisch mit Untergehen der Sonne schienen sich reihenweise Volldeppen mit dem Krankenwagen abholen zu lassen. Von dem ersten Kandidaten hörte ich nur aus Erzählungen, der war im Nebenzimmer und erfreute sich an den automatischen Einstell-Funktionen des Krankenbettes. Gut das habe ich auch gemacht, allerdings nicht über Stunden mit irrem Grinsen und einer Erektion. Der Gute Mann hat dann wohl eine Elefantendosis Valium bekommen und bis Gestern geschlafen. Der nächste Kandidat, der bei mir im Zimmer eingeliefert wurde, war ein Schwerstalkoholiker der wohl 74 war und roch als wäre er schon eine weile tot, er war wohl mit ~2 Promille im Hausflur umgegangen. Dem Arzt erzählte er, dass er nur 1-2 Bier getrunken hat. Irgendjemand muss dem armen Mann wohl sein Bier mit Korn gefüllt haben. Jedenfalls wurde dieser zunächst sehr ruhige Zeitgenosse nach seiner Infusion zu meinem kalten Grausen wieder quietschfidel und lud mich sogar großherzig zu seinem 75. Geburtstag ein. Als wäre ein fideler Alkoholiker noch nicht genug wurde als nächstes ein geistig vollkommen verwirrter und recht kurzer Italiener eingeliefert. Der wird so etwa 40 Jahre alt gewesen sein. Er beliebte es entweder zu heulen oder den Ärzten seines Erachtens nach unheimlich wichtige Zahlenkombinationen mitzuteilen, als die Weisskittel ihn daraufhin mit einem fragenden Blick und einem von Herzen kommendem "Was bidde?" antworteten, fing er an zu toben und zu behaupten er wäre nur von Idioten umgeben. Als er dann wieder heulend im Bett lag, schaffte es mein Besuch erstaunlicher Weise mich zum Lachen zu bewegen, worauf der Alkoholiker natürlich gleich einstimmte und der Italiener nahm es gleich persönlich und fing an zu wüten und uns anzudrohen uns "allen Stuhl in Kopf" zu machen. Meine Anmerkung, dass ich eher glaubte, er wäre es, der den Stuhl im Kopf hätte und er könne ihn meinethalben auch gern behalten, verstand er nicht, aber immerhin kam sein Sohn dann um ihn abzuholen und verhinderte so, dass er am Ende noch handgreiflich wurde. Danach war soweit Ruhe, dass ich endlich schlafen konnte. Der nächste Tag war neben einigen Untersuchungen und der Einlieferung eines weiblichen Stress-Hypochonders nicht sehr ereignisreich. Lustig war allerdings, dass mich der Assistent bei der Bronchioskopie mit "Ach sie sin doch der, derwo bei den beiden Wahnsinnische uff der 32 gelegen hat, gell?" begrüsst hat. Immerhin, freute ich mich insgeheim, scheint das meinen Sodomistenstatus wieder aufgehoben zu haben. Abends kam ich dann endlich auf Station in ein sehr gemütliches, kleines Zweibettzimmer, welches ich mir zu diesem Zeitpunkt mit einem Trucker teilte, der das unrühmliche Schicksal eines Operationsfehlers abbekommen hat. Seit einem Eingriff vor 4 Jahren sah sein Knöchel praktisch dauerhaft so auf, wie meiner seit einer Woche. Für jemanden, der mit diesem Fuß beruflich Gas geben muss ein wirklich ungünstiger Zustand. Dennoch wurde er wohl relativ erfolgreich mit einigen Mittelchen behandelt, jedenfalls schlief er Abends immer seelig nach Einnahme des zweiten Eimerchens Schmerztropfen nach der Tagesschau ein. Der Trucker blieb leider nur 2 Tage mein Bettnachbar, er wurde dann unmittelbar von jemandem, oder etwas, abgelöst, was mir mit Krächzender Stimme (def. Kehlkopf-OP) erklärte, er/es wäre nur kurz da, eigentlich wäre er auf (Entziehungs)Kur aber der Doktor hätte gesagt, man müsste mal eine Probe der dunklen Flecken auf seiner Leber nehmen. Mit stolz geschwellter Brust fügte er hinzu, dass er schon seit 3 Wochen trocken wäre, na herzlichen Glückwunsch. Ich freute mich unheimlich, daß ich nur eine Nacht mit dieser kaputten Existenz verbringen musste, wusste jedoch zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass die nächste, es noch viel härter getroffen hatte. Mein nächster Bettnachbar war nämlich ein schwuler HIV-Positiver mit einer Hämolyse. Das bedeutet, der arme Kerl hatte bei Einlieferung so wenige rote Blutkörperchen und so viele Medikamente im Blut, dass er farblich (wie auch sein Freund bemerkte Daniel war dann kurz nach Ostern wieder so gut mit roten Blutkörperchen gesegnet, dass er nach Hause konnte und ich musste allein und einsam zurückbleiben. Aber nicht lange! In meine Einsamkeit, kam ein älterer sizilianischer Herr, der leider kaum deutsch konnte, aber dennoch sehr mitteilsam war. Er hatte wohl Leberprobleme, dann hatte man ihm eine Schweineleber verpflanzt, also zumindest habe ich das so verstanden, es war wirklich schwierig und mein Italienisch ist nicht eingerostet, sondern nicht vorhanden. Eingeliefert wurde er jedoch, so entnahm ich es der Visite am nächsten Tag, wegen einer mittelschweren Lungenentzündung. Seine Vita lässt sich aus den Bruchstücken seiner Erzählungen, die ich verstanden habe wie folgt zusammenfassen: Er ist Sohn einer Kinderreichen Familie, die aus dem sizilianischen Hinterland stammt. Als Kind hat er sich die Hand mit einer Italienischen Handgranate zerfetzt, is aber wieder einigermaßen zusammengewachsen, er sagte, wenn es eine deutsche Granate gewesen wäre, hätte es ihn erledigt, ich kann mir nicht helfen, aber das hat mich irgendwie geehrt. Nach der Sache mit der Handgranate, also als alles wieder gut verheilt war, hat er wohl als Gastarbeiter beim Aufbau des Schienennetzes geholten und ist dabei nach eigenen Aussagen Spezialist im Schweißen geworden. Irgendwann hat er wohl die Deutsche Staatsbürgerschaft erlangt und dann viele Kinder bekommen nachdem seine Frau hierher kam. Dann wollte er wohl auch nicht mehr mit dem Bauzug reisen und arbeitete in mehreren Metallverarbeitungsfabriken in Frankfurt, die es heute alle nicht mehr gibt. Dies liebe Leser ist nun die Quintessenz dessen was ich aus etwa 6-8h täglicher Beschallung mit deutsch-italienischem Kauderwelsch über 3 Tage hinweg verstanden habe. Aber irgenwie hat auch dieser Herr einen Platz in meinem Herzen erobert. Er wurde dann auf ein anderes Zimmer verlegt, um einem Patienten platz zu machen der Ruhe und einen Sauerstoff-Anschluss braucht. Bei diesem Patienten handelte es sich um einen sehr typischen deutschen Frührentner. Er hat Lungenkrebs, kennt das Fernsehprogramm auswendig, sieht gern Heimatfilme und liest die Bildzeitung. Er ist verheiratet mit einer Frau die ein bisschen wie ein Pudel mit Augen und Rückenleiden aussieht und die beiden haben einen Sohn geboren, der aussieht wie ein Schwein und stolzer Inhaber eines Sonderschulabschlußzeugnisses ist. Ich war am Rande der Verzweiflung, ich führte private Gespräche mit der Ärztin, ob ich entweder sofort entlassen werden könne oder vielleicht eine Überdosis Schlaftabletten bekommen könnte, für mich oder für ihn wär mir egal gewesen. War nichts zu machen, erst musste das Fieber weg. Ich wurde sogar Religös und flehte gen Himmel, dass man mich bitte von der geballten Dummheit, die mich umgab befreien möge, alles Erfolglos, bis zur Kortison-Behandlung, die befreite mich vom Fieber und somit am 2. Tag auch von der Dummheit, die mich umgab. In diesem Sinne, brachte also das Krankenhaus nicht nur schlechtes. Ich habe ein paar italienische Schimpfwörter gelernt, viel gelesen, einen Nikotinentzug durchgezogen, und mehr als ein mal gesehen, wie ich gerne nicht enden würde. Mein besonderer Dank gilt meinen Freunden, meiner Familie und meinen Kollegen, die sich wirklich rührend um mich gesorgt haben und mir auf diesem Weg bewiesen haben, dass ich wichtig für sie bin. Das hat mir sehr viel gegeben und sicherlich auch stark zu meiner Genesung beigetragen. In diesem Sinne, gute Besserung und Genesung an alle Kranken da draußen und natürlich auch alles Gute, denen sie sich mit Gesundheit schmücken können. Trackbacks
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Einfach nur Geil
Comment (1)
Was lernen wir daraus - wenn man da eingeliefert wird und noch nicht krank ist, wird man es bestimmt.
Freut mich aber, daß du wieder unter uns weilst! Comment (1)
Aber nur, wenn man nicht wie unser lieber Joker23 über die natürliche Widerstandskraft und den lebensfrohen Humor verfügt! Und wenn man - wie er - darüber verfügt, kommt man mit enorm motivierenden Erkenntnismaterial zurück, gesünder als je zuvor und kann obendrein noch die Menschheit mit Geschichten erfreuen.
Comments (2)
*freu* er ist wieder draußen! Coooooool, Alter, freut mich echt von Herzen, dass du wieder genesen bist. Hach ja, am Ende wird das Meiste wieder gut (also der Lungenkrebskerl und der Aidskranke würden mir da wahrscheinlich von Herzen widersprechen).
Sobald ich wieder in FFM bin, trinken wir beide erstmal ein kleines Bierchen auf deine Heilung By the way: Echt cool geschrieben. Comment (1)
Du bist echt eine Marke Jan
Ich bin Froh das du aus dem Haus des Wahnsinss Entkommen bist mit Gesunden Menschenverstand. *Dich ganz fest Knufft und sich Freut das es dir wieder Gesundheitlich gut geht*. Comment (1)
NACHTRAG:
Und dann war da noch die strickende, Kaffee trinkende Frau mit der verbalen Inkontinenz in der Cafeteria des Krankenhauses: Kaum saßen wir in ihrer Tischreihe - nicht einmal an ihrem Tisch! - strullte sie uns voll mit Infos, die kein Mensch je würde wissen wollen. Die einzige Rettung war absolute Gleichgültigkeit gegenüber jedweder Lebensäußerung der Mitteilungssüchtigen. Comments (2)
Ganz krass war ja auch die Aussage auf die Frage hin, ob sie denn auch wen Besuchen würde: "Jaja, aber die is grad net da!".
Interessanter Weise war sie aber IMMER da, wenn ich in der Cafeteria war. Vermutlich das Butterfahrtssyndrom, frei nach dem Motto "So komm ich wenigstens mal raus un unner Leud" Comment (1)
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